Noch
umfängt uns der starke Atem der Weltstadt Berlin. Über vier Millionen
deutsche Menschen wohnen in diesem unübersehbaren Häusermeer.
Immer noch umspült uns die Flut von Konzerten, Veranstaltungen, Geselligkeiten
tausenderlei Art, fühlen wir diesen nie rastenden Impuls des stählernen
Verkehrsnetzes Groß-Berlins, in der Überschneidung von Hoch-
und S-Bahn, Straßenbahn und allen Verkehrsmitteln, die der rastlose
Mensch einer Riesenstadt ersinnen kann. Wir spähen sehnsüchtig
nach der freien Himmelsweite. Ein frischer Windhauch treibt die Wolkengebilde
nach Süden über die Dächer, Hochbauten und Kirchen der Millionenstadt
und unhemmbar wird der Entschluß, zu reisen und zu wandern, rege.
Es lockt hinaus in die weite Ebene, auf deren Horizonten der Himmel ruht,
hinunter nach dem Süden mit seiner anmutigen Landschaft.
Aus einem Wunschtraum wächst der Entschluß zur Reise nach
dem deutschen Süden. Unser Weg zeigt uns das deutsche Volkstum in
seiner Vielseitigkeit. Auf kargen Feldern erwartet uns der genügsame
kurmärkische Bauer. Wir sehen die Bergleute der Braunkohlenfelder
von Bitterfeld auf der Fahrt zum täglichen Werk. Wir hören die
lustigen Scharen der Hallenser und Jenaer Studenten singen, sehen junges
Volk den Saalewein zwischen den Trümmern alter Burgen schlürfen,
belauschen die Heimarbeiter im Thüringer Wald, die ihre kunstvollen
Arbeiten in Körben zu den Bahnhöfen bringen. Wir fahren durch
die Waldtäler, wo Holzfäller in den tiefen Forsten die Äxte
schallen lassen, sehen im oberen Maintal die Korbflechter kleine Kunstwerke
flechten. Wir singen mit den lustigen Wanderscharen in Franken zwischen
Staffelstein und Bamberg, zwischen den Schwellen des Steigerwaldes und
der Fränkischen Schweiz: "Wohlauf, die Luft geht frisch und rein,
wer lange sitzt, muß rosten! Den allerschönsten Sonnenschein
läßt uns der Himmel kosten! Nun reich mir Stab und Wanderkleid
der fahrenden Scholaren! Ich will zur lustigen Sommerzeit ins Land der
Franken fahren!" Wir sehen am weißen Kalksaum der Langen Meile die
fleißigen Jurabauern schaffen. Wir wandern in den Felsentälern
und kühlen Gründen der Fränkischen Schweiz, stehen an den
stillen Weihern im Aischgrund, auf den Tabakfeldern Mittelfrankens, bei
den Hopfenbauern im Spalter Land und in der Hallertau. In bunter Folge
wechseln die Landschaften. grüngraue Kiefernwälder, schilfumsponnene
Seen, rotblühende Heide der Kurmark weichen der reichen Fülle
der Elblandschaft. Vorbei an Jena mit den weltbekannten Zeißwerken,
an Nürnberg, der Stadt der Lebkuchen und der Zinnsoldaten, der Spielwaren
und der Bleistifte, führt uns der Weg. Wie auf einem Volksfeste folgen
Windmühlen, niederdeutsche Giebel, freundliches Thüringer Fachwerk,
steile fränkische Giebel und die gemütlichen Formen des oberbayrischen
Bauernhauses einander in diesem großen Spiegel deutscher Bauernkultur.
Da begegnen uns die Dome von Halle, Merseburg und Naumburg, die Schlösser
von Weißenfels, Dornburg, Rudolstadt und Lauenstein, der Prunk des
tausendjährigen Bamberg, die Größe Alt-Nürnbergs,
die Mystik der Mauern des mittelalterlichen Ingolstadt und die Schönheit
der deutschen Kunststadt München. Die unvergänglichen Werke der
Kaiser, die das Land gegen Osten festigten, die Stätten der großen
Dichter von Weimar, der deutschen Symble, Utas von Naumburg, des Bamberger
Reiters und des Ellinger Tores von Weißenburg liegen auf dem Wege
unserer Fahrt. ... An unserem Wege stehen die deutschen Kämpfer der
großen Volksbewegungszeiten, die deutsche Gestalt Luthers, der Genius
deutscher Musik Georg Friedrich Händel, der zu Halle geboren wurde,
und das Doppelgestirn vollendeter deutscher Dichtung: Schiller und Goethe.
An dieser Straße finden wir den unsterblichen Sänger der Wanderfreuden,
Viktor von Scheffel, den größten deutschen Maler Albrecht Dürer
mit dem gewaltigen Kreis der Meister Nürnberger Kunst und zu Ingolstadt
im Banne der Hohen Schule den Magister Faust. Zu München aber am Schlusse
dieser Reise vereinigen sich alle Künste des deutschen Menschen und
auch alle seine Freuden. Fern und doch in wenigen Stunden erreichbar leuchten
die Alpen im Firnschnee vom Wilden Kaiser bis zur Zugspitze über die
Isarstadt. Aus vielen Tälern, von vielen blauen Gipfeln grüßt
es und lockt es, zu reisen und zu wandern in dieser schönen deutschen
Welt.
Noch stehen wir am Anhalter Bahnhof vor den vielen Bahnsteigen. Der
Richtungsweiser zeigt nach München. Schon hebt sich der Befehlsstab
des Mannes mit der roten Mütze. Der Dampf entfesselt die Pleuelstangen
der Riesenlokomotive.
Und nun
- frohe Fahrt!
Der
obige Text stammt aus der Broschüre "Reisen & Schauen, Berlin - München, Frohe Reise
nach dem deutschen Süden" (ca. 1938) und wird hier als Zitat dargestellt.
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Thomas Noßke 1998 |
www.epoche2.de |
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