Ringvorlesung "crisis. crisis. crisis" 2018/2019

Ringvorlesung "crisis. crisis. crisis – Krisendynamiken der Demokratie, des Geschlechter-verhältnisses und der Nachhaltigkeit" im WS 18/19

Dienstags | 17.00 – 18.30 Uhr

Theater am Campus (TaC)

Hochschule Merseburg

-

4.12.18 | Juliane Lang

Krise der Geschlechterverhältnisse? Anti-Feminismus als Krisenphänomen mit gesellschaftsspaltendem Potential

In Debatten rund um die Sichtbarkeit vielfältiger geschlechtlicher und sexueller Lebensweisen tun sich aktuell Grabenkämpfe auf: Kritiker*innen sprechen von einer Bedrohung für Ehe, Familie und die „natürliche Ordnung“ der Geschlechter. Befürworter*innen hingegen verteidigen z.B. die jüngst verabschiedete Ehe für alle im Sommer 2017 als Schritt hin zu einer gleichberechtigteren Gesellschaft, und stellen weitere Forderungen. Der Vortrag skizziert das Kräfteringen im Kampf um die Ehe für alle als exemplarisch für gesellschaftliche

Liberalisierungs- und ihre Gegenbewegungen und fragt nach den Anknüpfungspunkten antifeministischer, gegen geschlechtliche und sexuelle Vielfalt gerichteter Argumentationen an aktuelle Krisennarrative.

Juliane Lang, M.A. Geschlechterstudien/ Erziehungswissenschaft, arbeitet wissenschaftlich, journalistisch und in der politischen Bildungsarbeit zu Themen rund um die extreme Rechte und Geschlecht. 

-

11.12.18 | Kim Posster

The Anti-feminist Sex Wars -

Der Kampf um sexuelle Bildung und die Krise der Demokratie

Antifeminismus hat sich verändert: War er lange Zeit eine Echokammer für “Maskulisten“ mit punktuellen Berührungspunkten zur organisierten Rechten, ist er nun “familienzentriert” und weit bis ins Bürgertum vorgedrungen. Eines seiner verbindenden Momente ist der Kampf gegen “genderistische” (Sexual-)Pädagogik, der “Umerziehung” und “Missbrauch” durch “Verführung” und “Frühsexualisierung” vorgeworfen wird. So können Gruppen wie die “Besorgten Eltern” ein breites Bündnis aus Rechtsradikalen, ihren parlamentarischen Verbündeten, christlichen „Fundamentalist_innen“ und dem bürgerlichen Mainstream knüpfen. Dabei geht es aber um mehr als konservative Moral oder den “Backlash” gegen sexuelle und geschlechtliche Vielfalt, sondern ums Ganze: Was oberflächlich als Debatte über Kinderschutz und Elternrecht daherkommt, dreht sich im Kern um die “Dekadenz” der liberalen Demokratie und die Errichtung einer autoritären, “natürlichen” Ordnung.


Kim Posster lebt in Leipzig und ist Teil von Versuchen an die Tradition “pro-feministischer Männerpolitik” anzuschließen (z.B. hier: kritmaen.noblogs.org). Er publiziert aus der Perspektive eines materialistischen Feminismus und forscht beruflich zum “Kampf um sexuelle Bildung als Krisenphänomen.

-

8.01.19 | Andreas Kemper

Kritik des Maskulismus

Der Maskulismus (abgeleitet von „maskulin“ = männlich) ist eine aktuelle Ausformung des opferideologischen Antifeminismus. Der Maskulismus reicht von moderat auftretenen antifeministischen Vereinen der Vater- und Männerrechtsbewegung (MANNdat, Agens) bis weit ins neurechte und neonazistische Lager mit deutlich menschenfeindlichen und gewaltaffinen Aussagen. Seit dem Anschlag in Toronto sind frauenfeindliche Strömungen wie die InCel- oder PickUp-Gruppen bekannt geworden.
Der Vortrag stellt die Entwicklung und Netzwerke des Maskulismus dar und kontrastiert diese mit der profeministischen Männerbewegung, die in den 1970er Jahren entstanden ist.

Der Soziologe Andreas Kemper befasst sich seit den 1980er Jahren mit der Männerbewegung und publizierte u.a. zum Maskulismus ((R)echte Kerle; Die Maskulisten). Er ist Mitglied der Redaktion Diskursatlas Antifeminismus (Diskursatlas.de).

-

15.01.19 | 17 Uhr | Dr. Daniela Gottschlich

Nicht mehr auf Kosten anderer leben (müssen): Nachhaltigkeit aus kritisch-emanzipatorischer Perspektive

Ausgangspunkt des Vortrags sind die gegenwärtigen sozial-ökologischen Krisen. Diese haben damit zu tun, dass die Lebensweise einiger auf Kosten anderer geht, dabei Menschen und Natur ausgebeutet und Kosten auf die Allgemeinheit, andere Regionen und nachfolgende Generationen verlagert werden. Die sozial-ökologischen Krisen lassen eine Transformation des aktuell dominanten Wirtschafts- und Gesellschaftmodells unausweichlich erscheinen. Doch bislang kamen (herrschafts-)kritischen Ansätze in der Nachhaltigkeitsforschung eher zu kurz. Wenn diese aber ihr transformatives, kritisch-emanzipatorisches Potenzial erhalten, entfalten und ausbauen will, dann muss sie sich auf kritische Traditionslinien besinnen und diese miteinander verbinden. Zentrale Themen, Fragestellungen und sozial-ökologische gesellschaftliche Gegenentwürfe kritisch-emanzipatorischer Nachhaltigkeit(sforschung) werden im Vortrag vorgestellt. 

Dr. Daniela Gottschlich, Politik- und Nachhaltigkeitswissenschaftlerin, arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Europa Universität Flensburg.

-

22.01.19 | Dr. Sarah Speck

Liebe, Autonomie und Arbeitsteilung – Zur politischen Ökonomie der Paarbeziehung

Wie verändern sich die Vorstellungen von Männlichkeit und Weiblichkeit, wenn das Ernährermodell erodiert? Was passiert im Macht- und Geschlechterverhältnis? Wer macht die Wäsche, wenn sie die Brötchen verdient? Anhand der Ergebnisse einer Studie über heterosexuelle Paare, in denen die Frauen das Haupteinkommen verdienen, geht der Vortrag dem Wandel von Geschlechterverhältnissen im Kontext einer prekarisierten Arbeitswelt nach. Die vielerorts erneut geführte feministische Diskussion über den Zusammenhang von Ökonomie und Geschlecht wird dabei durch eine neue Perspektive auf Aushandlungsprozesse des Alltags ergänzt. Aufgeworfen wird unter anderem die Frage, ob sich die Geschlechterordnung paradoxerweise gerade deshalb transformieren und modernisieren konnte, weil sie zugleich zementiert wurde.

Dr. Sarah Speck ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Sozialforschung in Frankfurt und forscht zum Wandel der Geschlechterverhältnisse, sowie zu Paar- und Familienbeziehungen. Sie ist Mitherausgeberin der Reihe „Kitchen Politics – Queerfeministische Interventionen“.

 

 

Nach oben