Im KAT-Forschungsprojekt "Nachhaltigkeitsberichterstattung" konzentrieren sich Professor Dr. Ronny Gebhardt und Julius Winterhalter von der Hochschule Merseburg auf die Frage, wie Nachhaltigkeit in Unternehmen messbarer und transparenter gemacht werden kann. Ein Interview.
Auf ein Wort im KAT
Welches zentrale Problem oder welche Fragestellung steht im Mittelpunkt Ihres Forschungsprojekts – und warum gerade jetzt?
Im Mittelpunkt unseres Forschungsprojekts steht die Frage, wie Nachhaltigkeit in Wirtschaft, Wissenschaft und Finanzmärkten eigentlich gemessen und bewertet wird – und ob diese Bewertungen wirklich die realen ökologischen und sozialen Wirkungen von Unternehmen widerspiegeln.
Gerade jetzt ist diese Frage hochaktuell, weil Nachhaltigkeit zunehmend zu einer wirtschaftlichen Steuerungsgröße geworden ist. Es gelten europäische Richtlinien, Standards und Klassifizierungssysteme, mit Hilfe derer die Unternehmen zu einer tatsächlichen Transformation beitragen sollen. Gleichzeitig wird immer intensiver diskutiert, ob bestehende ESG-Systeme - das sind digitale Softwarelösungen und organisatorische Rahmenwerke, mit denen Unternehmen ihre Daten in den Bereichen Umwelt, Soziales und Unternehmensführung automatisiert erfassen, analysieren und berichten - diese Transformation tatsächlich abbilden oder lediglich bestimmte Signale und Risikofaktoren sichtbar machen. Genau diese Diskrepanz untersuchen wir.
Gab es bereits überraschende Erkenntnisse?
Ja. Eine besonders spannende Erkenntnis ist, wie widersprüchlich und ambivalent die bisherigen Befunde zum Thema Nachhaltigkeit eigentlich sind. Einerseits ist Nachhaltigkeit politisch, gesellschaftlich und wirtschaftlich weiterhin hoch relevant. Andererseits ist offen, ob die angestrebte Transformation tatsächlich gelingt und ob so etwas wie „grünes Wachstum“ innerhalb planetarer Grenzen realistisch ist – oder ob Nachhaltigkeit im wirtschaftlichen Kontext zunehmend vor allem als Risiko- und Managementfrage behandelt wird. Auch bei ESG-Ratings zeigt sich diese Ambivalenz. Unternehmen mit hohen Ratings sind nicht automatisch diejenigen, die bei realen Nachhaltigkeitskennzahlen wie CO₂-Emissionen, Ressourcenverbrauch oder sozialen Indikatoren besonders gut abschneiden. Offen bleibt damit, ob tatsächlich jene Unternehmen belohnt werden, die ökologisch und sozial besser performen – oder eher jene, die Nachhaltigkeit besonders gut berichten, managen und in wirtschaftliche Risikologiken übersetzen können.
Interessant ist zudem, dass Nachhaltigkeit im öffentlichen und wirtschaftlichen Diskurs starken Konjunkturen unterliegt. Der „Nachhaltigkeitshype“ der letzten Jahre ist aktuell spürbar abgeflacht. Themen wie Künstliche Intelligenz, geopolitische Sicherheit oder Verteidigung stehen stärker im Vordergrund. Gleichzeitig verschwindet Nachhaltigkeit dadurch nicht, sondern taucht in neuen Zusammenhängen wieder auf – etwa bei den enormen Energieverbräuchen von Rechenzentren oder der Frage, wie digitale Transformation mit Klima- und Ressourcenzielen vereinbar ist. Spätestens in Hitzeperioden wird die breite Öffentlichkeit immer wieder daran erinnert, dass Nachhaltigkeit ein drängendes Thema bleibt.
Inwiefern kann Ihr Projekt gesellschaftliche und ökologische Herausforderungen adressieren?
Wenn Nachhaltigkeit gemessen wird, beeinflusst das unmittelbar, welche Themen Unternehmen priorisieren und welche Investitionen getätigt werden. Unser Projekt untersucht deshalb nicht nur Nachhaltigkeit selbst, sondern die Wirkung von Nachhaltigkeitsindikatoren als Steuerungsinstrumente. Wenn wir besser verstehen, welche Aspekte heutige ESG-Systeme sichtbar machen und welche möglicherweise übersehen werden, können Nachhaltigkeitsbewertungen gezielter weiterentwickelt werden. Langfristig könnte dies dazu beitragen, Kapitalströme, politische Förderung und unternehmerische Aufmerksamkeit stärker auf jene Aktivitäten zu lenken, die tatsächlich positive ökologische und soziale Wirkungen erzeugen.
Was macht Ihren Forschungsansatz innovativ?
Die meisten Studien untersuchen Zusammenhänge zwischen ESG-Scores und finanziellen Kennzahlen oder analysieren einzelne Nachhaltigkeitsindikatoren isoliert. Unser Ansatz stellt eine andere Frage: Welche Unternehmen werden überhaupt als nachhaltig sichtbar gemacht? Dafür vergleichen wir ESG-basierte Klassifikationen mit realen Leistungskennzahlen wie Emissionen, Energieverbrauch, Arbeitssicherheit oder anderen Nachhaltigkeitsindikatoren. Ziel ist nicht nur zu prüfen, ob Korrelationen bestehen, sondern ob beide Ansätze tatsächlich dieselben Unternehmen als nachhaltig identifizieren. Damit rückt die Forschung von der Frage „Wirkt Nachhaltigkeit?“ hin zur grundlegenderen Frage „Was ist eigentlich gemeint, wenn von Nachhaltigkeit gesprochen wird?“
Welche Methoden oder Technologien setzen Sie ein?
Das Projekt verbindet quantitative Nachhaltigkeitsforschung mit wirtschaftsethischen Ansätzen. Ein Schwerpunkt liegt auf der Analyse großer Unternehmensdatensätze. Dafür verknüpfen wir ESG-Ratings, ökologische und soziale Kennzahlen sowie finanzielle Unternehmensdaten, unter anderem für europäische Großunternehmen des STOXX Europe 600. Mit Klassifikations- und Vergleichsanalysen, Regressionsmodellen und Paneldatenanalysen untersuchen wir, welche Unternehmen durch Ratings als nachhaltig sichtbar werden, wie sie bei realen Umwelt- und Sozialkennzahlen abschneiden und welche Rolle finanzielle Kennzahlen dabei spielen.
Gleichzeitig bauen wir auf unseren bisherigen Arbeiten zur sozialen Nachhaltigkeit auf. Dort haben wir auch wirtschaftsethische Perspektiven genutzt, um zu zeigen, dass Nachhaltigkeitskennzahlen nicht nur Realität abbilden, sondern selbst steuernd wirken können. Gerade bei sozialer Nachhaltigkeit wird deutlich, dass Messbarkeit immer auch beeinflusst, welche Themen Aufmerksamkeit, Ressourcen und Managementpriorität erhalten.
Welche konkreten Auswirkungen könnte Ihre Forschung haben?
Die Ergebnisse können für Unternehmen, Investoren und Politik relevant sein. Für Unternehmen könnte transparenter werden, welche Nachhaltigkeitsleistungen tatsächlich sichtbar werden und welche möglicherweise trotz hoher gesellschaftlicher Relevanz bislang kaum berücksichtigt werden. Für politische Entscheidungsträger liefern die Ergebnisse Hinweise darauf, ob aktuelle Regulierungen die gewünschten Nachhaltigkeitswirkungen tatsächlich fördern. Und für die Wissenschaft könnte die Forschung helfen, den Nachhaltigkeitsbegriff präziser zu definieren und zwischen unterschiedlichen Nachhaltigkeitsverständnissen zu unterscheiden.
Welche ersten Ergebnisse liegen bereits vor und wie geht es weiter?
Nachhaltigkeit ist in der wirtschaftlichen Bewertung kein eindeutiger Begriff. Je nach Perspektive, Datengrundlage und Kennzahl kann sehr Unterschiedliches als „nachhaltig“ gelten. Besonders deutlich wird das bei sozialer Nachhaltigkeit. Themen wie Arbeitsbedingungen, psychische Gesundheit, Versorgungsqualität, Teilhabe oder Patientenwohl sind gesellschaftlich zentral, lassen sich aber deutlich schwerer messen als Emissionen, Energieverbrauch oder Abfall. Unsere Arbeiten zum Krankenhaussektor zeigen genau dieses Spannungsfeld. Nachhaltigkeit umfasst dort nicht nur ökologische Kennzahlen, sondern auch Versorgungssicherheit, Arbeitsbelastung, Resilienz, Finanzierung und Gemeinwohl. Diese Dimensionen werden in Berichterstattung, Finanzierung und Bewertung bisher aber nur begrenzt sichtbar.
Auch bei ESG-Ratings ist Vorsicht geboten. Die Forschung und sogar einige Ratinganbieter legen nahe, dass Ratings und reale Nachhaltigkeitsleistungen nicht automatisch deckungsgleich sind. Gerade bei Umweltindikatoren wie CO₂-Emissionen zeigen Studien teils schwache oder widersprüchliche Zusammenhänge. Für soziale Nachhaltigkeit ist die Abbildung häufig noch schwieriger. Im nächsten Schritt untersuchen wir daher systematisch, welche Unternehmen durch Ratings als nachhaltig sichtbar werden, was diese Unternehmen auszeichnet, wie sie bei realen ökologischen und sozialen Kennzahlen abschneiden und welche Rolle finanzielle Kennzahlen wie Profitabilität, Unternehmenswert, Finanzierungskosten oder Kreditrisiken dabei spielen.
Arbeiten Sie interdisziplinär?
Ja. Das Projekt verbindet Nachhaltigkeitsforschung, Betriebswirtschaftslehre, Finanzwissenschaft und Sozialwissenschaften. Gerade Nachhaltigkeit ist ein Thema, das nicht aus einer einzelnen Fachperspektive verstanden werden kann. Während die Finanzwissenschaft häufig Risiken und Kapitalströme betrachten, beschäftigen sich Nachhaltigkeits- und Sozialwissenschaften stärker mit realen gesellschaftlichen Wirkungen. Die Verbindung dieser Perspektiven eröffnet neue Erkenntnisse darüber, wie Nachhaltigkeit bewertet und gesteuert wird.
Warum ist die Messung von Nachhaltigkeit selbst ein Forschungsgegenstand?
In vielen Bereichen wird vorausgesetzt, dass Nachhaltigkeitsindikatoren lediglich bestehende Wirklichkeit abbilden. Unsere bisherige Forschung deutet jedoch darauf hin, dass Indikatoren selbst Wirklichkeit mitgestalten. Was gemessen wird, erhält Aufmerksamkeit, Ressourcen und strategische Bedeutung. Was nicht gemessen wird, verschwindet häufig aus Entscheidungsprozessen. Deshalb lautet eine der zentralen Fragen unserer Forschung: Messen ESG-Systeme Nachhaltigkeit nur – oder definieren sie zugleich, was in Wirtschaft und Gesellschaft überhaupt als Nachhaltigkeit gilt? Genau an dieser Schnittstelle zwischen Messung, Wahrnehmung und realer Wirkung bewegt sich unser Forschungsprojekt.
Herzlichen Dank für den spannenden Einblick!
Projektleitung:
Prof. Dr. Ronny Gebhardt (Professor für Allgemeine BWL und externes Rechnungswesen)



