Warum braucht es Wissenschaftsfreiheit
Warum braucht es Wissenschaftsfreiheit
Warum ist für Sie ganz persönlich Wissenschaftsfreiheit wichtig?
Wissenschaftsfreiheit ist für mich wichtig, weil sie ermöglicht, soziale Zusammenhänge in ihrer Komplexität zu betrachten, statt sie vorschnell zu vereinfachen. Unterschiedliche theoretische, methodische und empirische Zugänge helfen dabei, diese Vielschichtigkeit sichtbar zu machen. Gerade in der Forschung in der Sozialen Arbeit braucht es Räume, in denen Fragen offen gestellt, Widersprüche ausgehalten und auch unbequeme Deutungen geprüft werden können. Dazu gehört für mich auch der internationale wissenschaftliche Austausch: Er erweitert den eigenen Blick, irritiert Selbstverständlichkeiten und macht sichtbar, dass soziale Wirklichkeiten immer auch anders verstanden werden können.
Wo sehen Sie aktuell die größten Risiken für Wissenschaftsfreiheit?
Ein wesentliches Risiko sehe ich in einer zunehmenden Tendenz zu Schwarz-Weiß-Deutungen und in einer abnehmenden Fehlerfreundlichkeit im öffentlichen wie auch im wissenschaftlichen Diskurs. Zuhören, Perspektivwechsel und das ernsthafte Sich-Einlassen auf andere wissenschaftliche Zugänge scheinen schwieriger zu werden. Hinzu kommt, dass Alltagswissen, Erfahrungswissen und wissenschaftliches Wissen mitunter vorschnell vermischt werden, ohne die jeweils unterschiedlichen Formen von Erkenntnis hinreichend zu unterscheiden.
Wie setzen Sie sich in Ihrer Arbeit für ihren Erhalt ein?
In meiner Arbeit versuche ich, konkrete Erfahrungen, Lebenslagen und soziale Prozesse in ihrer Besonderheit ernst zu nehmen und sie zugleich theoretisch und methodisch in größere soziale Zusammenhänge einzuordnen. Wissenschaftsfreiheit zeigt sich für mich darin, dass verschiedene methodische Zugänge möglich bleiben, sorgfältig geprüft und nicht vorschnell auf eine einzige Erklärung reduzieren werden.
Warum ist die Freiheit der Wissenschaft für die Gesellschaft relevant?
Die Freiheit der Wissenschaft ist ein Grundbaustein demokratischer Gesellschaften, weil sie hilft, die Welt nicht nur in Schwarz und Weiß zu sehen, sondern auch ihre grauen und bunten Zwischentöne sichtbar zu machen. Gerade weil gesellschaftliches Zusammenleben komplexer wird und Lebensweisen vielfältiger werden, braucht es freie Wissenschaft, die differenziert fragt, empirisch prüft, irritiert und neue Perspektiven eröffnet. Internationale Zusammenarbeit und wissenschaftlicher Austausch sind dabei besonders wichtig, weil gesellschaftliche Fragen längst nicht mehr nur national verstanden werden können. Wissenschaft trägt dazu bei, Bedingungen gelingenden Zusammenlebens besser zu verstehen und kritisch zu hinterfragen, wo dieses Zusammenleben gefährdet ist.

Die Freiheit der Wissenschaft ist ein Grundbaustein demokratischer Gesellschaften, weil sie hilft, die Welt nicht nur in Schwarz und Weiß zu sehen, sondern auch ihre grauen und bunten Zwischentöne sichtbar zu machen. Gerade weil gesellschaftliches Zusammenleben komplexer wird und Lebensweisen vielfältiger werden, braucht es freie Wissenschaft, die differenziert fragt, empirisch prüft, irritiert und neue Perspektiven eröffnet.Prof. Dr. Julia Hille
Professorin für Systemische Soziale Arbeit
