Die Zukunft der Pflege
Moderne Technologien werden die Zukunft der Pflege revolutionieren, davon ist Maximilian Werner überzeugt. Seit 2025 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter im TPG - Maker- und Education Lab für Robotik und assistive Technologien, welches im März 2026 in Merseburg eröffnete. Was ein Maker- & Education Lab ist, wer davon profitiert, wie dort innovative Ideen entstehen könnenund wie die Pflegelandschaft in 20 Jahren aussehen könnte, erzählt er im Gespräch.
Wie sind Sie zum Maker- & Education Lab gekommen und was sind Ihre Aufgaben?
Ich habe zuvor im Bereich Wissenschaftskommunikation gearbeitet. Als ich mit dem Auslaufen meiner Befristung auf Stellensuche war, bin ich auf die Ausschreibung der Hochschule Merseburg für das Maker- und Education LAB gestoßen und war sofort begeistert. Hier konnte ich meine bisherige berufliche Erfahrung sehr gut mit meinem Abschluss in Erziehungswissenschaften kombinieren – noch dazu bin ich gelernter Krankenpfleger. Das Aufgabenspektrum ist sehr vielfältig und reicht von der Durchführung von Bildungsformaten über Netzwerk- und Öffentlichkeitsarbeit bis hin zu wissenschaftlicher Tätigkeit wie Literaturrecherche oder Datenerhebung- und Auswertung.
Was ist eigentlich ein Maker- und Education Lab? Was kann man sich als Laie darunter vorstellen?
Maker- und Education LABs sind Einrichtungen, in denen Menschen technologische Innovationen im Bereich Gesundheitsversorgung und Pflege kennenlernen, ausprobieren und aktiv mitgestalten können. Im südlichen Sachsen-Anhalt gibt es davon fünf Standorte – in Köthen, Halle, Sangerhausen, Zeitz und Merseburg – mit je unterschiedlichen thematischen Schwerpunkten. Das reicht von Telepflege und Extended Reality bis hin zu Robotik und digitalen assistiven Technologien, wie es bei uns in Merseburg der Fall ist. Die Standorte sind Teil eines gemeinsamen Verbundprojekts, das Hochschule, Praxis und Gesellschaft zusammenbringt.
Was sind die Ziele des MEL?
Wir wollen im MEL zunächst die digitale Akzeptanz stärken: Wer Technologien wie Pflegeroboter, assistive Geräte oder VR-Anwendungen selbst in die Hand nehmen und ausprobieren kann, begegnet ihnen mit anderen Augen als jemand, der nur davon gehört hat. Eng damit verbunden ist außerdem das Ziel, Pflege gemeinsam weiterzuentwickeln und zu gestalten. Das heißt Pflegekräfte, Einrichtungen, Betroffene und Angehörige werden aktiv einbezogen. Darüber hinaus wollen wir einen Beitrag zur Zukunftsfähigkeit von Pflege und Region leisten, denn angesichts des wachsenden Fachkräftemangels und der demografischen Entwicklung im südlichen Sachsen-Anhalt braucht es konkrete und innovative Antworten vor Ort. Und schließlich wollen wir Netzwerke und Dialog zwischen Hochschule, Praxis und Gesellschaft fördern.
Im März 2026 hat das MEL in Merseburg eröffnet – was versprechen Sie sich vom neuen Standort?
Mit dem LAB in der Merseburger Innenstadt haben wir einen Ort gefunden, der wirklich zu uns passt. Die Räume sind großzügig, barrierefrei und bieten Platz für einen Seminarraum sowie einen Workshop- und Werkstattbereich, in dem Begegnung, Erfahrung und Austausch stattfinden können. Direkt darüber liegen unsere Büros. Die zentrale Lage sorgt für gute Erreichbarkeit, aber vor allem für Sichtbarkeit in der Stadt, und das ist nicht zu unterschätzen. Als Projekt sind wir auf unsere Netzwerkpartner in der Region angewiesen und wollen gleichzeitig als relevanter Akteur in Merseburg und im Saalekreis wahrgenommen werden.
Ü
Wie läuft ein Projekt bei Ihnen ab und wie entsteht eine Idee?
Da das MEL in den Projektverbund TPG eingebettet ist, an dem die Hochschule Merseburg, die Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und die Hochschule Anhalt beteiligt sind, geben diese im Allgemeinen den Rahmen und eine Richtung vor. Konkrete Themen entstehen jedoch oft aus der Praxis heraus. Das MEL arbeitet nach dem Prinzip eines Living Labs, das heißt wir entwickeln und erproben nicht im stillen Kämmerlein, sondern gemeinsam mit den Menschen, die später mit den Technologien arbeiten oder leben. Dafür haben wir verschiedene Formate entwickelt, wie etwa Workshops für Seniorinnen und Senioren, Angebote für Auszubildende und Pflegekräfte, aber auch niedrigschwellige Mitmachformate zu Virtual Reality oder 3D-Druck.
Können Sie ein Beispiel für ein aktuelles Projekt nennen?
Aktuell entwickeln wir eine Workshopreihe rund um das Thema Making. Gemeint ist damit das kreative Gestalten und Ausprobieren mit eigenen Händen, oft mithilfe digitaler Werkzeuge wie 3D-Druckern oder Mikrocontrollern in Kombination mit Techniken aus dem klassischen Handwerk. In der zweiten Jahreshälfte bieten wir zum Beispiel das Format „3D-Druck für Jung und Alt" an, das bewusst verschiedene Generationen zusammenbringt. Neu hinzu kommt außerdem, dass wir ab diesem Semester auch Studierende der Hochschule Merseburg stärker einbeziehen und so Projekte für Semester oder Abschlussarbeiten anstoßen wollen.
Wer kann sich bei euch mit Fragen beim MEL melden und welche Probleme können besprochen werden?
Grundsätzlich ist bei uns jeder willkommen. Ob Pflegeeinrichtungen, die sich fragen, welche digitalen Lösungen zu ihnen passen könnten, Pflegekräfte, die einfach mal reinschauen und Technologien ausprobieren wollen, Angehörige, die nach Unterstützungsmöglichkeiten suchen, oder Studierende mit einer Projekt- oder Abschlussarbeitsidee. Wir freuen uns über alle, die den Weg zu uns finden. Es muss kein konkretes Problem vorliegen, auch Neugier ist ein guter Grund.
Welche möglichen Herausforderungen bringt die Arbeit mit sich?
Eine der größten Herausforderungen ist es, die verschiedenen Perspektiven zusammenzubringen, die in unserem Projekt aufeinandertreffen. Pflegekräfte, soziale Einrichtungen, Betroffene, Hochschule und Entwickler bringen jeweils eigene Sichtweisen, Erwartungen und manchmal auch Vorbehalte mit. Das erfordert viel Beziehungsarbeit. Vertrauen entsteht nicht von heute auf morgen. Daher ist ein wichtiger Teil unserer Arbeit, zuzuhören, zu übersetzen und Brücken zwischen Welten zu bauen, die bisher noch wenig miteinander zu tun haben.
Wie könnte Pflege in 20 Jahren aussehen?
Der demografische Wandel und die wachsende Zahl Pflegebedürftiger machen deutlich: An digitalen Lösungen in der Pflege führt kein Weg vorbei. Ich hoffe, dass in zehn bis zwanzig Jahren der Einsatz von Technologie im Pflegebereich selbstverständlich geworden ist, und zwar nicht als Fremdkörper, sondern als fester und akzeptierter Bestandteil der Versorgung. Smarte Hilfsmittel, assistive Robotik und digitale Vernetzung könnten Pflegekräfte von Routineaufgaben entlasten und pflegenden Angehörigen mehr Sicherheit geben. Entscheidend ist dabei für mich, dass all das nicht auf Kosten des Menschlichen geht. Im Gegenteil: Wenn Technologie ihren Teil übernimmt, bleibt mehr Raum für das, was Pflege im Kern ausmacht: Zuwendung, Würde und menschliche Begegnung.
Vielen Dank für das Gespräch!



