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Johannes Herwig-Lempp

Interview des Monats: Prof. em. Johannes Herwig-Lempp

Lieber Johanes Herwig-Lempp, du warst seit 1998 an der Hochschule tätig und bist seit dem Sommersemester 2026 im Ruhestand. Was ist dir aus den ersten Jahren im „Osten“ an der damaligen FH Merseburg in Erinnerung geblieben, wie ging es los?

1. Frage

Ich habe Anfang, Mitte der 90er in den alten Bundesländern promoviert und wollte dann gern an eine Hochschule gehen. Ich habe mich sehr gefreut, dass ich nach Merseburg gekommen bin, weil ich schon damals fand, dass die Wende das großartigste Erlebnis während meines Lebens war – das sehe ich auch immer noch so: Da haben Menschen ein ganzes System zum Einsturz gebracht, auch wenn das zunächst vielleicht gar nicht so beabsichtigt war. Der Mut und die Bereitschaft der Menschen, das zu tun, hat mich beeindruckt.

Berufen wurde ich zunächst für einen berufsbegleitenden Studiengang für Menschen aus der ehemaligen DDR, die schon in der sozialen Arbeit tätig waren, aber dafür noch keine Qualifikation besaßen. Später habe ich den Master Systemische Sozialarbeit (sysoma) aufgebaut und durchgeführt. Im damaligen Diplomstudiengang und späteren Bachelor Soziale Arbeit habe ich auch gelehrt.

Wir waren als Fachbereich anfangs, also 1998, im Gebäude 107 untergebracht. Die Gebäude und die Einrichtung waren ziemlich runtergekommen. Auch die Umgebung der Hochschule war ein bisschen deprimierend, viel Leerstand. Ich habe zuerst in einem der hohen Studentenwohnheime gewohnt, die später abgerissen wurden. Dort waren noch andere Lehrkräfte untergebracht und so habe ich einen Kollegen, Justus Engelfried, einmal draußen vor der Telefonzelle getroffen. Wir haben festgestellt, dass wir beide aus Süddeutschland sind, und es entstand eine Freundschaft, die bis heute besteht. Nach einigen Jahren in Merseburg bin ich dann in Halle (Saale) dauerhaft sesshaft geworden. 

 

Prof. Johannes Herwig-Lempp sitzt an seinem Schreibtisch

Was hat dor an deinem Wirken an der Hochschule besonders Freude bereitet und was empfandest du als besonders herausfordernd? 

Ich wollte schon immer lehren, das Unterrichten hatte mir schon vorher einfach Spaß gemacht. Und es gab viele Entwicklungsmöglichkeiten, aber wir sind ja eigentlich immer im Aufbruch. Ich gehe jetzt ganz ungern, denn ich sehe mein Kollegium, sehr viele junge, neue Kolleginnen und Kollegen und ich denke, wow, toll, da kann man was machen, verändern. 

Ich habe auch immer das Gefühl gehabt, als Professor geht es mir hier saugut, weil ich viele Freiheiten habe, Projekte habe, die ich verfolgen kann. So zum Beispiel den Masterstudiengang Systemische Sozialarbeit (sysoma) zu entwickeln und auch über fast 10 Jahre durchzuführen. Und ich hatte die Gelegenheit zu Kontakten ins Ausland, mit Studierenden, habe Studienreisen unternommen oder Gäste zu uns geholt. Ich habe Austausch mit Hochschulen in Cluj/Rumänien, mit Jaroslavl/Russland, mit Israel organisiert. Und in den USA hatte ich längere Zeit eine intensive Kooperation mit Hartford in Connecticut. Es war einfach toll, diese Möglichkeiten zu haben.

Sysoma war zu Beginn etwas heikel, denn es musste ein Bezahl-Studiengang werden, und ich bekam auch ganz streng gesagt: „Du musst dafür sorgen, dass er sich durchfinanziert. Und das heißt, wenn du mit 20 Studenten anfängst und nach zwei Jahren sind nur noch fünf da, dann musst du trotzdem die Lehre aufrechterhalten.“ Als der Studiengang dann das zweite, dritte Mal lief, hat sich gezeigt, dass er nachgefragt ist, dass die Studierenden bis zum Schluss bleiben, also jedes Mal über 20 Studierende. 

Richtig herausfordernd wurde es mit dem dritten Durchgang, da wuchs plötzlich der Verwaltungsaufwand, und der nahm leider sehr viel Raum an. Aber ich möchte gar nicht über die Bürokratie klagen. Was wir Lehrende oft übersehen, wenn wir uns zum Beispiel über komplizierte Dienstreiseformulare ärgern, ist, dass wir von dieser pingeligen Bürokratie jeden Monat pünktlich unser Gehalt überwiesen bekommen, dass das hier alles funktioniert, von der Raumplanung bis zur Grünflächenpflege und zur Reisekostenerstattung. Also sage ich mir, okay, Geduld, Geduld, du hast eine anregende Konferenz besuchen können oder eine Studienreise machen können, und du hast was dazugelernt, dann kannst du jetzt auch noch die Belege zusammensuchen und das Formular ausfüllen

Als Professor tätig zu sein ist ein Privileg. Ich war immer dankbar dafür und finde es auch ein bisschen ungerecht im Vergleich zu anderen Menschen, die hier arbeiten. Das Beamtentum könnte man eigentlich abschaffen, also für Profs jedenfalls, vielleicht ist das anders für Richter oder Polizisten. Nervig fand ich immer, dass Professoren hier intern immer mit Titel angeschrieben werden, zum Beispiel bei Verwaltungsangelegenheiten. Aber eigentlich brauchen wir das innerhalb der Hochschule überhaupt nicht. Es gibt andere Hochschulen, wo das nicht so der Fall ist, zum Beispiel im Ausland, aber auch hier in Deutschland. Wir haben hier so eine starke Hierarchie, das finde ich nicht gut. Ich hätte mir unbedingt mehr Gleichheit gewünscht! Das betrifft zum einen Privilegien, die ich als Professor finanziell habe, aber auch vom Status her. Und zum anderen betrifft es auch das Miteinander. Aber da haben wir eben auch ganz unterschiedliche Vorstellungen hier an der Hochschule, was das jeweils bedeutet. Und das ist vielleicht auch ganz gut so.

 

Was macht aus deiner Sicht die „Systemische Soziale Arbeit“ aus? 

Antwort 3

Der systemische Ansatz kommt eigentlich aus der systemischen Therapie bzw. der systemischen Beratung, das habe ich hier auch gelehrt. Ich merkte, dass die Studierenden, die ja Sozialarbeiter werden sollten, nach Seminaren, die sie bei mir besuchten, sagten: „Ich möchte systemischer Therapeut werden oder systemische Therapeutin.“ Das war aber schlecht vereinbar, denn Sozialarbeit kann man nicht über die Krankenkasse abrechnen, so wie Therapie. Und so war es mein Ziel, dass man nicht nur von systemischer Therapie oder Beratung spricht, sondern auch von systemischer Sozialarbeit. Denn das, was man als systemischer Therapeut machen kann, von der Haltung her, von der Art, mit Menschen umzugehen, das kann man auch sehr gut in der Sozialarbeit anwenden, auch bei den harten Fällen, wo es um Kindeswohlgefährdung oder um Gewalt geht. Überall da kann man auch systemisch vorgehen. Das ist sozusagen meine ganz große Mission. 

Ich bin auch Mitglied in einer großen Dachgesellschaft für systemische Therapie, wo ich mich seit vielen Jahren für die systemische Sozialarbeit einsetze. Das Besondere daran ist für mich, dass es mir mithilfe dieses Ansatzes besser gelingt, Menschen ernst zu nehmen. Als Sozialarbeiter habe ich oft mit Menschen zu tun, mit denen ich privat nicht so viel Umgang habe, die ich vielleicht sogar im ersten Moment unsympathisch finde.

Wenn es mir gelingt, Menschen für voll zu nehmen, also zu sagen, du bist vernünftig, du bist in Ordnung, ich erkenne dich an, also nicht abfällig über sie zu denken, dann achte ich die Würde dieses Menschen. Zum Beispiel denke ich inzwischen nicht mehr, dass manche Menschen dumm sind. Ich denke es vielleicht mal kurz, aber ich kann mich dann zur Ordnung rufen und sagen, das ist jetzt nicht hilfreich, jemanden als dumm anzusehen, sondern im Grunde verhält sich jeder Mensch vernünftig. Das entspricht jedenfalls den Allgemeinen Menschenrechten, Artikel 1: „Alle [!] Menschen sind mit Vernunft begabt.“

Diese Haltung ermöglicht es mir, Menschen – statt sie zu zwingen – einzuladen, sich zu verändern oder auch Mut zu haben, etwas zu verändern, wenn sie das wollen, es selbst für vernünftig halten. Und es ist dabei nur natürlich, dass sie andere Werte haben als ich. Natürlich denke ich, meine sind die richtigen. Sonst wäre ich nicht Dozent geworden, wenn ich nicht denken würde, ich habe Recht. [lacht] Ich finde aber nicht, dass man nur systemisch arbeiten oder lehren sollte. Wenn KollegInnen andere Ansätze haben, gerne, Studierende sollen wählen. Wenn Studierende sagen, das finde ich gut und jenes finde ich nicht gut, was du uns lehrst, dann sage ich: Wunderbar, genauso soll es sein, dass du allein entscheidest, was du übernehmen willst. Ich möchte nur zeigen, dass etwas hilfreich sein kann.

 

In deiner Zeit an der Hochschule hast du den Aufbau der Vertrauensstelle verantwortet und warst bis zuletzt eine der vier Ansprechpersonen. War es auch dort dein Anliegen, Ratsuchenden neutral zu begegnen, um bei der Konfliktlösung zu helfen? Welche Erfahrungen hast du dabei gemacht?

Ich würde sagen, die meisten Konflikte an dieser Hochschule kriegen wir gar nicht mit. Also viele wenden sich nicht an die Vertrauensstelle, obwohl sie sich schon wenden könnten. Wenn dann jemand kommt und sagt, ich habe das und das erlebt, würde ich gar nicht sagen, ich bin neutral. Ich versuche vielmehr, Anteil zu nehmen, diese Person zu sehen und gleichzeitig natürlich zu wissen, das ist jetzt nur eine bestimmte Sichtweise, die ich mitkriege, nicht unbedingt die ganze Wahrheit. 

Ich bin nicht nur hier an der Vertrauensstelle tätig, sondern auch in einem Ethikbeirat einer großen Gesellschaft. Und meine Erfahrung ist, wenn jemand kommt und sich beklagt über jemanden, ist das Wichtigste, dass ich mir Zeit nehme und zuhöre. Und auch nicht sage: Ja, das ist ganz schlimm, was Sie erlebt haben. Aber vielleicht sage: Wenn Sie das so erlebt haben, dann ist das schlimm. Und dann ergibt sich die Frage, was diese Menschen mit ihrem Anliegen machen wollen. Wir können zum Beispiel darüber sprechen, wie sie sich an die andere Person wenden. Sie können mich oder uns als Vertrauensstelle um Vermittlung bitten. Sie können in bestimmten Fällen auch Anzeige erstatten. Wir erörtern verschiedene Möglichkeiten, die diese Person hat. Ich habe es relativ oft erlebt, dass Menschen nach dem ersten Gespräch sagen: Ich konnte das jetzt ansprechen und wurde gehört, das reicht mir erstmal. Das finde ich schade, weil manchmal müsste man anderen Leuten schon auch mal sagen: So geht es nicht. Ich bin da… neutral ist irgendwie nicht so mein Begriff dafür… vielleicht offen oder auch zugewandt. Ich übernehme solche Posten gerne, das ist ein bisschen so wie andere Leute gern Rätsel lösen.

 

Woher kommt denn diese Lust, solche Konflikte oder Rätsel zu lösen?

Die Konflikte löse ich nicht unbedingt, aber ich löse für mich das Rätsel: Wie könnten wir jetzt hier vorgehen oder wie können wir damit umgehen? Also da kommt jemand und erklärt etwas und das liegt mir dann schon auch im Magen: Wie kriege ich das jetzt hin? Und dann rede ich mit anderen in der Vertrauensstelle oder überlege dran rum. Es ist eben ein bisschen wie ein Rätsel. Also ich löse diese Konflikte nicht, das machen die Menschen dann selber in der Regel. 

Früher habe ich gern Mathe gemacht und hatte sogar überlegt, ob ich Mathematik studiere, weil ich das auch gut konnte. Und dann dachte ich, nee, das ist mir eigentlich zu wenig. Es ist viel herausfordernder, mit Menschen zu arbeiten, weil in der Mathematik, da hast du halt hinterher eine richtige Lösung oder auch nicht. Aber das ist eindeutig. Wenn zwei Menschen sich begegnen, dann weiß man nicht, was rauskommt und man weiß auch nicht, was das „richtige“ Ergebnis ist. Weil das davon abhängt, was uns jeweils wichtig ist. Und das ist viel spannender herauszufinden.

 

Hast du dazu eine kleine Übung, die du uns für den Alltag mitgeben kannst?

Frage 7

Wenn jemand sagt, man muss das machen oder man muss das so sehen, dann bin ich schon so geeicht, dass sich in mir etwas widersetzt. Also: nichts muss man so sehen. Mein Motto ist ja seit 20 Jahren: Es gibt mindestens sieben Möglichkeiten. Und das hilft mir selber auch, zum Beispiel dann, wenn ich denke, ich habe bei einer Sache keine Wahl oder ich habe nur die Wahl zwischen Pest und Cholera. Es hilft mir, mich daran zu erinnern und zu sagen: Johannes, überleg mal wenigstens sieben oder zehn Möglichkeiten, die du hast. Dieser Satz ist nicht wahr, das ist einfach nur eine Annahme, die mir hilft, nach Möglichkeiten zu suchen. Nicht die eine Lösung suchen und finden, sondern erst mal viele suchen. Das ist auch etwas, was ich in der Arbeit mit Klienten oder mit Ratsuchenden anwende. Der Grund ist, wir Menschen wollen wählen. Wir wollen selber entscheiden. Wir wollen nicht, dass jemand sagt, du musst das und das machen. Hier ist wieder das Wort müssen. Wir wollen selber wählen. Und wenn wir diese Wahlmöglichkeiten sehen, dann geht es uns schon mal besser.

 

Abschiedsvorlesung “Keine Angst vorm Konstruktivismus - der tut nichts!” am 8. April 2026.

Zum Abschluss: Was wünschst du dir für die Zukunft der Hochschule Merseburg, für deinen Studiengang oder für den Fachbereich SMK?

Ich hätte schon gerne noch ein bisschen weitergemacht. Aber ich finde, wenn ich weggehe, dann gehe ich weg und dann ist neue Entwicklung möglich. Und dann muss ich nicht irgendwas wünschen oder für gut finden, was für die Hochschule gut sein sollte. Ich wünsche allen Spaß an ihrer Arbeit und die Fähigkeit, vielleicht sehen zu können, dass auch die anderen gute Arbeit machen.


Vielen Dank für das Interview und Alles Gute für die Zeit im Ruhestand!

 

Das Interview führte: Laura Bierau

   

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