Die kürzlich veröffentlichte und verbindlich eingeführte “Satzung der Hochschule Merseburg zur Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis und zum Umgang mit Verdachtsfällen wissenschaftlichen Fehlverhaltens” bildet die Grundlage für die Forschung nach höchstem nationalen Standard an der HoMe. Die Satzung der HoMe wurde in Anlehnung an die Empfehlungen der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG-Kodex: Leitlinien zur Sicherung GwP) und der Mustersatzung der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) erarbeitet, mit der DFG abgestimmt und von ihr genehmigt.
1. Welche Bedeutung hat diese Satzung für die tägliche Forschungsarbeit an der HoMe? Für wen ist sie verbindlich? Wie wurde die gute wissenschaftliche Praxis an der HoMe bisher sichergestellt?
Pick: Die Reichweite der Satzung umfasst die Erhebung bis zur Analyse von Daten, umfasst auch den Publikationsprozess sowie den Umgang mit vermutetem wissenschaftlichen Fehlverhalten. Jede Forscherin, jeder Forscher ist also von der Satzung betroffen. Auch für die Studierenden unserer Hochschule gilt diese Satzung – immer dann, wenn sie im Rahmen ihres Studiums forschen, beispielsweise bei empirischen Seminar- oder Abschlussarbeiten. Die Bedeutung der Satzung zeigt sich auch darin, dass in der Senatskommission für Forschung und Wissenstransfer (KFW) und im Senat intensiv beraten wurde. Vor der Verabschiedung im Senat im Oktober 2025 gab es bereits ältere Leitlinien zu den Prinzipien wissenschaftlicher Arbeit und zum Umgang mit wissenschaftlichem Fehlverhalten. Allerdings waren sie nicht mehr auf dem neuesten Stand, zu viel hat sich seit 2002 in der Wissenschaft getan. Zudem erfordern künftige Einreichungen bei einigen Drittmittelgebern die Verabschiedung eines solchen Dokumentes; ohne dieses könnten einige Forschungsprojekte in der Zukunft nicht mehr umgesetzt werden. Es war also die richtige Zeit, diese neue Satzung zu fassen.
2. Was sind die zentralen Anforderungen an die Forscherinnen und Forscher an der HoMe? Welche Herausforderungen gibt es grundsätzlich bei der Veröffentlichung von Forschungsergebnissen?
Pick: Die Satzung definiert zahlreiche Anforderungen, die für sich betrachtet aber nicht alle neu sind. Zwei möchte ich herausgreifen. Zum einen muss die Herkunft der im Forschungsprozess verwendeten Daten und Materialien unter Zitation der Originalquellen kenntlich gemacht werden. Zum anderen dürfen Forschende nur Autorin bzw. Autor sein, wenn sie einen genuin eigenen Beitrag geleistet haben. Autorenschaft aufgrund von z.B. reinen Vorgesetztenfunktionen von Nachwuchsforschenden, sogenannte „Ehrenautorenschaften“, sind nicht vereinbar mit dem DFG-Kodex.
3. Inwiefern sind Sie/ Ihr Team aktiv in der Umsetzung der Leitlinien des Kodex?
Pick: Die Satzung wurde in Anlehnung an Empfehlungen der DFG und der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) über einen Zeitraum von knapp zwei Jahren erarbeitet. Wir sind daher sehr froh, die Freigabe des Senats für die intensive Arbeit erhalten zu haben. Wir werden im Prorektorat aber kontinuierlich unsere Erfahrungen und die Entwicklungen in der Wissenschaft im Blick haben. In den nächsten Jahren sind also durchaus Anpassungen möglich.
4. Wie wird die Einhaltung der "guten wissenschaftlichen Praxis" an der HoMe konkret sichergestellt?
Pick: Wir gehen davon aus, dass sich alle Forschenden intensiv mit der Satzung vertraut machen und sich bei Fragen gerne an das Prorektorat für Forschung wenden. Für Promovierende bieten wir in der Graduiertenakademie Schulungen zur "Einführung in die gute wissenschaftliche Praxis" an und empfehlen sehr die Teilnahme. Insbesondere bei noch wenig erfahrenen Forschenden ist es wichtig, dass sie mögliche Fallstricke in der Forschung frühzeitig erkennen. Das Ziel ist dabei, dass gar kein wissenschaftliches Fehlverhalten – weder absichtlich noch unbeabsichtigt – auftreten kann. Schließlich definiert die Satzung, wenn ein wissenschaftliches Fehlverhalten vermutet wird. Ansprechpartner sind die Ombudspersonen unserer Hochschule.
5. Predatory Journals stellen eine wachsende Bedrohung für die Integrität der Wissenschaft dar. Wie bewerten Sie dieses Phänomen im Kontext der Satzung?
Pick: In den letzten Jahren wurde eine Vielzahl von Journals gegründet. Es ist herausfordernd, den Überblick zu behalten und zu erkennen, welche eine seriöse Fachzeitschrift ist. Zudem steigt der Publikationsdruck, z.B. im Rahmen von Drittmittelprojekten oder Promotionen. Da erscheinen Predatory Journals als eine geeignete „Heimat“ für schnelle Veröffentlichungen. Sie bieten ausschließlich Open Access-Veröffentlichungen an. Aber: Predatory Journals sind keine Fachzeitschriften, die einen wissenschaftlichen Standard aufweisen und – der Name lässt es schon vermuten – setzen auch auf das Unwissen vieler Forschenden. Leider kann man nicht jedes Predatory Journal einfach erkennen. Auch renommierte Fachzeitschriften bieten Open Access-Publikationen an. Es gibt jedoch zahlreiche Hinweise, die man aufgreifen kann, wie die Prüfung des Journals auf Webseiten wie DOAJ sowie die Prüfung der Geschwindigkeit und Qualität eines Review-Prozesses. Häufig wird eine Forschungsarbeit nach nur wenigen Tagen zur Veröffentlichung angenommen.
6. Gibt es an der HoMe klare Richtlinien oder Unterstützung, um Forschende vor der Veröffentlichung in Predatory Journals zu schützen? Inwieweit sehen Sie die Verantwortung bei den Forschenden selbst, solche Praktiken zu erkennen und zu vermeiden?
Pick: Wir informieren Promovierende regelmäßig zu aktuellen Entwicklungen in der Forschung, wie zu Predatory Journals und Predatory Conferences, u.a. bei den Forschungskolloquien des Promotionszentrums SGW. Auch in den Beiräten der beiden Promotionszentren IWIT und SGW, in denen die HoMe Mitglied ist, wird das Thema regelmäßig angesprochen. Aber ganz klar: Das reicht nicht. Ich habe selbst erlebt, wie Kollegen an der Hochschule nicht erkannt haben, dass es sich bei einer Zeitschrift um ein Predatory Journal handelt und dort veröffentlicht haben. Veröffentlichungen in solchen Outlets sind faktisch keine wertvollen Veröffentlichungen, sie können vielmehr der akademischen Entwicklung und Karriere schaden.
7. Paper Mills, also kommerzielle Anbieter wissenschaftlicher Manuskripte, untergraben die
Vertrauenswürdigkeit von Forschung. Welche Relevanz hat dieses Thema für die deutsche Wissenschaftslandschaft?
Pick: Paper Mills sind eine weitere, große Herausforderung für die Wissenschaft. Politiker in anderen Ländern haben ihren Rücktritt eingereicht, als bekannt wurde, dass sie Autoren von Paper Mill-Texten sind. Paper Mills sind Anbieter, die fertige Manuskripte gegen Autorenschaft verkaufen. Diese Anbieter schreiben nicht nur Promovierende an, sondern auch Professorinnen und Professoren. Das Angebot ist verlockend: ohne eigene wissenschaftliche Arbeit schnell zu einer Publikation zu kommen. Meiner Einschätzung nach werden solche Angebote zunehmen, da es mit Künstlicher Intelligenz leichter denn je geworden ist, Artikel mit einem wissenschaftlichen Anstrich, zu erstellen.
8. Wie kann die Satzung auf Basis des DFG-Kodex helfen, gegen solche Praktiken vorzugehen oder sie präventiv zu verhindern?
Pick: Die Satzung setzt in erster Linie auf Eigenverantwortung der jeweilig forschenden Person. Wir können über das Phänomen kontinuierlich informieren und die Reputationsgefahr aufzeigen. Vor allem bei Promovierenden, die weniger Erfahrung im Publikationsprozess haben, ist das wichtig, sie dafür zu sensibilisieren. Bei Promovierenden liegt es zudem in der Verantwortung der Doktormutter bzw. des Doktorvaters, darauf zu achten, in welchen Journals eine Publikation eingereicht wird und zu bewerten, ob dieses Journal wissenschaftlichen Qualitätskriterien genügt. In den Promotionsordnungen der Promotionszentren IWIT und SGW sind dazu einige Qualitätskriterien aufgenommen.
9. Welche Mechanismen gibt es an der HoMe, um Authentizität und Urheberschaft von wissenschaftlichen Arbeiten besser abzusichern?
Pick: Auch hier gilt, dass es in der Eigenverantwortung der Forschenden liegt, mit Phänomenen von Predatory Conferences und Predatory Journals umzugehen. Vor allem bei Autorenteams ist es wichtig, sich intensiv vor dem Start jedes Projektes auszutauschen, wer welchen Beitrag für Publikationen auf Konferenzen und Fachzeitschriften leistet. Im besten Fall wird dies verschriftlicht. Einige Journals erwarten zunehmend derartige Dokumentationen.
10. Künstliche Intelligenz (KI) wird zunehmend in der Forschung genutzt – von der Datenauswertung bis hin zur Textgenerierung. Wie verändert das die Anforderungen an die gute wissenschaftliche Praxis?
Pick: Das ist eine wichtige Frage. Meiner Einschätzung nach wird es wichtiger denn je, in Forschungsteams genau zu überlegen, mit wem man zusammenarbeitet und ob man darauf vertrauen kann, dass jeder im Team eigenverantwortlich prüft und dokumentiert, wo KI eingesetzt werden kann und wo nicht. So ist es im Promotionszentrum SGW erforderlich, den Einsatz von KI schriftlich zu dokumentieren. Einige Fachzeitschriften lassen den Einsatz von KI zu, aber es muss dokumentiert werden, wo sie verwendet wurde. Als KI-Einsatz zählt teilweise bereits schon die Übersetzung mit Hilfe von Anbietern wie DeepL oder Google Translate. Ich gehe zudem davon aus, dass für die relevanten Fachzeitschriften die Reputation von Forschenden wichtiger denn je wird. Neben technischen Lösungen, einen Text auf KI-Erstellung zu prüfen, ist dies neben Eigenverantwortung und Berufsethos momentan wohl die einzige Möglichkeit, sicherzustellen, dass Menschen das Forschungsthema erarbeitet haben. Für uns als Leserinnen und Leser von Veröffentlichungen bedeutet es aber auch, aufmerksamer denn je zu sein und publizierte Forschungsergebnisse kritisch zu bewerten.
11. Wie sollte mit der Frage der Urheberschaft und Verantwortlichkeit umgegangen werden, wenn KI signifikant an einer Publikation mitwirkt?
Pick: Forschende können sich hier an den Anforderungen ihrer Forschungsdisziplin orientieren. Neben der Transparenz, dass KI eingesetzt wurde, ist die Frage wichtig, wie KI eingesetzt wurde. In einigen Disziplinen wird explizit mit KI geforscht. Mit KI können beispielsweise Datensätze erstellt werden, die eine hohe Qualität haben. Für Journalpublikationen ist die Angabe des KI-Einsatzes teilweise längst verpflichtend. Bei Monografien und Herausgeberwerken können wir empfehlen, dass es auch hier einen Hinweis auf den Einsatz von KI gibt. In jedem Fall wird es in den nächsten Jahren weiterhin große Entwicklungen im Bereich der generativen KI in der Forschung geben. Umso wichtiger ist es, dass jeder Forschende – bereits im Studium – mit den Vor- und Nachteilen intensiv vertraut gemacht wird.
Weiterführende Links:
DFG-Hinweise zu Predatory Journals
Prüfung von Open Access-Fachzeitschriften
Das Interview führte Franziska Müller (forschungsmarketing@hs-merseburg.de) (PFWE).
