AUSSTELLUNGSPROJEKT
Laufzeit: 29.01.2026 bis 29.05.2026
Ort: Forschungsgebäude Hochschule Merseburg (Fo/0/13)
Kostenfreier Besuch während der regulären Öffnungszeiten der Hochschule: Mo – Fr, 08:00 – 17:00 Uhr
Wie solidarisch war die DDR? Diese Frage stellten sich Studierende der Angewandten Medien- und Kulturwissenschaft und suchten für diese Ausstellung nach Geschichten, Erinnerungen und historischen Formen des Solidarischen in Merseburg. Die Fundstücke und Spuren, die bei den Recherchen zutage traten, sind jedoch vielschichtig, fragmentarisch und keineswegs eindeutig. Die Ausstellung will daher keine Antworten auf diese Frage geben, sondern vielmehr zum gemeinsamen Nachdenken einladen.
Gab es früher mehr Gemeinschaft? War Solidarität eine leere Formel oder ein erkämpfter Wert? Wie und für welche Zwecke wurde Solidarität staatlich gesteuert? Was lag jenseits der propagierten Völkerfreundschaft? Und wo finden sich Lücken in der Erinnerung? Im Mittelpunkt der Ausstellung stehen die Widersprüche, Leerstellen und Gleichzeitigkeiten in der Geschichte, die von den Menschen höchst unterschiedlich - abhängig von Generation, Herkunft, Position und Erfahrungen in der DDR sowie der Nachwendezeit - erlebt und erinnert werden.
Die Ausstellung beschäftigt sich in vier Kapiteln mit ausgewählten lokalen Fallbeispielen. Sie führt in außen- und innenpolitische Formen des Solidarischen ein, nimmt verschiedene Freundschaftsverträge in den Blick und spürt den Bedingungen für Studierende, Forschende und Vertragsarbeitende nach. Gefragt wird nach den historischen Infrastrukturen von Solidarität und Gemeinschaft und danach, was wir aus der Geschichte für die Gegenwart lernen können.
Ein Projekt von Masterstudierenden der Angewandten Medien- und Kulturwissenschaft unter der Leitung von Daniela Döring, Professorin für Kulturgeschichte
Über die Ausstellung
Inhaltlich gliedert sich die Ausstellung in vier Themenblöcke, die anhand lokaler Fallbeispiele verschiedene Dimensionen von Solidarität beleuchten:
1. Willkommen im Bruderland - Solidarität als verordnete Praxis und gelebter Wert
Solidarität hatte im Selbstverständnis und staatlichen Handeln der DDR einen hohen Stellenwert. Außenpolitisch zielten Solidaritätsbekundungen mit sozialistischen Staaten in Afrika, Asien und Südamerika auf internationale Anerkennung. Innenpolitisch war Solidarität ebenfalls präsent: Die Volkssolidarität unterstützte ältere und hilfsbedürftige Menschen, Subbotniks und Sammelaktionen prägten den Alltag. Auch wenn vielfach staatlich verordnet, wurden diese Praktiken Teil der sozialistischen Identität der DDR – in Abgrenzung zur BRD sowie zur nationalsozialistischen und kolonialen Vergangenheit.
2. Freundschaft als Vertrag - Internationale Beziehungen an der Hochschule Merseburg
Die Hochschulpolitik war für die DDR ein wichtiges Feld, um solidarische Praktiken und internationale Beziehungen zu etablieren. In sogenannten Freundschaftsverträgen sollte gegenseitige Unterstützung und politische Nähe gefestigt werden. Wie wurden solche Kooperationen aufgebaut und gestaltet? Und wie entstand dabei Solidarität? Ein Beispiel dafür ist die Zusammenarbeit der Technischen Hochschule Leuna- Merseburg mit der Universidad de Oriente in Santiago de Cuba. So reiste der Chemiker Klaus Bischoff Anfang der 1960er Jahre nach Kuba und organisierte von dort aus Material- und Spendensammlungen. Seine Briefe und weitere Dokumente des Staatssekretariats für das Hoch- und Fachschulwesen zeigen, wie persönliches Engagement, wissenschaftlicher Austausch und staatliche Zielsetzungen ineinandergriffen.
3. Außen vor (gelassen) - Ungleichheit und rassistische Gewalt in Merseburg
Neben ausländischen Studierenden kamen auch Vertragsarbeiter*innen nach Merseburg. Die Region wurde zum neuen Zuhause vieler Arbeitskräfte aus Kuba, Vietnam, Mosambik, Algerien und weiteren sogenannten Bruderstaaten. Im Vergleich zu Studierenden waren sie jedoch stärker von Diskriminierung und Ausschluss betroffen, was im Widerspruch zur propagierten Völkerfreundschaft stand. Vertragsarbeiter*innen waren alltäglichem und strukturellem Rassismus bis hin zu tödlicher Gewalt ausgesetzt. So kamen die kubanischen Vertragsarbeiter Delfin Guerra und Raúl García Paret 1979 bei einer rassistischen Hetzjagd ums Leben; eine umfassende Aufklärung steht bis heute aus.
4. Plangemeinschaft - oder wie wir zusammenkommen …
Der Ausstellungsbereich fragt danach, wie materielle und soziale Infrastrukturen – also die gebaute Umgebung – Bedingungen für Solidarität schaffen oder verhindern. Zentrales Exponat ist der Campus selbst. Seit der Gründung der Technischen Hochschule Leuna-Merseburg 1954 entstand ein heterogenes Gebäudeensemble mit Lernorten, Räumen der Grundversorgung wie Arztpraxis, Kinderkrippe, Konsum und Mensa sowie Freizeitangeboten, etwa Hobbyklubs und Wohnheimen. Studierende und Mitarbeitende bauten diese Infrastrukturen gemeinsam auf. Ihr Alltag bewegte sich zwischen staatlicher Kontrolle und Gemeinschaftserleben und war von politisch forcierter Kollektivierung geprägt. Zugleich lassen sich Spuren von Eigensinn und gelebter Solidarität finden.
Rückblick Vernissage
Die Vernissage am 28. Januar 2026 eröffnete mit einer Performance aus Musik, Gesang und Sprechakten von Studierenden aus dem Lehrbereich Musik und auditive Medien in Praxis, Produktion und Vermittlung unter Leitung von Frank Venske. In unterschiedlichen musikalischen Stilen wie Chanson, Liedermacher bis hin zu Rap wurden poetisch, kritisch und ironisch Fragen nach der Rolle der Frau, nach Gleichberechtigung und gesellschaftlichen Zuschreibungen von Solidarität reflektiert und interpretiert.
Im Grußwort betonte Rektor Prof. Markus Krabbes die Bedeutung künstlerischer Projekte für eine lebendige Hochschulkultur und würdigte das interdisziplinäre Zusammenspiel verschiedener Bereiche der Hochschule für das Ausstellungsprojekt. Zugleich hob er hervor, dass die Frage nach Solidarität in der DDR auch anstrengende Fragen an die Gegenwart stellt. Begriffe wie Solidarität und Völkerfreundschaft seien zwar zentrale Parolen gewesen, jedoch häufig ideologisch überformt und inszeniert. Anhand eines rassistischen Vorfalls in der Merseburger Stadtgeschichte – einer Hetzjagd am 12. August 1979 – werde deutlich, wie brüchig das propagierte Solidaritätsverständnis war.
Im Anschluss führten Prof. Daniela Döring und Studierende des Projekts die Besuchenden in die Ausstellungskonzeption ein, vom Ausstellungsort über das Ausstellungsdesign bis hin zu einzelnen Exponaten und Vermittlungsformaten. Das alte Forschungsgebäude der Hochschule Merseburg, in dem die Ausstellung zu finden ist, wurde aufgrund seiner originalen ostmodernen Architektur und den sichtbaren Spuren der Hochschulgeschichte ganz bewusst ausgewählt. Das Gebäude wird in einigen Jahren abgerissen werden und einem neuen Forschungsgebäude weichen.
Ausstellungsdesign
Das innovative Ausstellungsdesign entstand in Kooperation mit Prof. Thomas Martin (Professur für Verfahrenstechnik an der Hochschule Merseburg), dem Gestaltungskollektiv Büro Bohne, der Künstlerin Katharina Wahle (WAHOO Studio).
Es beinhaltet selbst einen Teil Campusgeschichte: Die Terrazzo-Steinblöcke, die als Basis und Gewichthalterung der Ausstellungsdisplays dienen, bestehen aus Schottermaterial, das vom Teilabriss des Forschungsgebäudes der Hochschule Merseburg gerettet und anschließend aufgearbeitet wurde.
Weitere Informationen & Kontakt
Prof. Dr. Daniela Döring

















